Anlässlich der Eröffnung der neuen Geschäftsräume im Januar trafen wir Dr. Roland Gauder, Chef-Entwickler und Mitinhaber von GAUDER AKUSTIK, um mit ihm über seine Lautsprecher, seine Philosophie im Lautsprecherbau und die aktuellen Entwicklungen zu sprechen.
 

Wie kamen Sie zum Lautsprecherbau?

 

Von Kindesbeinen an war bei mir alles aufgrund meiner Familie auf Musik gepolt und dann kam eben noch die Liebe zur Wissenschaft hinzu, diese Sehnsucht neue Dinge zu entdecken und Zusammenhänge aufzuklären. Und so kam ich nach einigen ersten kleinen Gehversuchen im Lautsprecherbau auf die Frage “Könnte man denn nicht die Lautsprecherei extrem verbessern, wenn man eine grundlegende Theorie hätte, die alle wichtigen Effekte einbezieht?“ Und das war zu Beginn der 1980er Jahre noch nicht mal annähernd der Fall. Und so habe ich mich 1990 auf den Weg begeben, das zu ändern.

 


Was ist Ihrer Meinung nach das Wichtigste bei einem Lautsprecher?

 

Neben vielen anderen Detailfragen bleiben doch 3 wichtige grundsätzliche Dinge an allererster Stelle: Das Impulsverhalten des Lautsprechers, das breite Abstrahlverhalten und der Frequenzüberlapp zwischen den Chassis, der ja zu Phasenfehlern führt.

 


Und was machen Sie, um diese Fehler zu vermeiden?

 

Ultraleichte Membranen aus Keramik und Diamant haben als einzige die Möglichkeit, den Tonimpulsen fehlerfrei zu folgen, wir vermeiden Hornvorsätze, um Büdelungen zu vermeiden und unsere ultrasteilflankigen, symmetrischen Frequenzweichen begrenzen den Überlapp auf ein absolutes Minimum. Und diese Weichen haben einen extrem glatten Phasenverlauf.

 


Dazu hätte ich noch gerne nachher etwas Näheres gewusst. Lassen Sie mich aber noch etwas generelles vorher fragen: Was ist eigentlich das Wichtigste am Hobby HiFi?

 

Alle HiFi-Geräte wurden ja ursprünglich konzipiert, um die Wiedergabe von Musik zu ermöglichen. Sozusagen als Mittel zum Zweck. Für uns Hersteller steht das ja auch im Mittelpunkt, aber für viele Endverbraucher ist HiFi zum eigentlich Hobby geworden, sprich die Optimierung der Kette, um noch näher ans Ideal heranzukommen. Hier ist dann eben der Weg das Ziel und ein Ende der Suche ist gar nicht das Ziel. Und das ist ja eben auch etwas ganz Tolles. Für mich allerdings ist Musikhören immer noch das Wichtigste.

 


Nun hat die Begeisterung für HiFi vor allem bei der Jugend doch nachgelassen. Was bräuchte es denn, um diesen Trend umzukehren?

 

Ganz einfach, wir bräuchten wieder zwei solche Bands wie die Beatles und die Rolling Stones. Oder generell: Es müsste wieder eine solche Explosion in der Musik geben, wie es eben zu Beginn der 1960er Jahre in England passiert ist. England ist ja nicht gerade für seine große Musiktradition bekannt, da war ja nicht viel verglichen mit Deutschland, Italien, Österreich, Frankreich oder Russland. Und dann passiert plötzlich das: über Nacht sprießen da Bands aus dem Boden und revolutionieren die Popmusik und zwar so, dass kein Stein auf dem anderen bleibt. Plötzlich hat die junge Generation einen eigenen Beat, der das Lebensgefühl komplett umwandelt, der die Alten provoziert und kopfschüttlend zurück lässt und der Jugend ihre eigene Identität vermittelt. Und das Alles alleine durch Musik, das muss man sich mal vorstellen. Wir mussten um unsere Musik kämpfen, sie gegen unsere Eltern verteidigen, das haben die Jungen heute nicht mehr nötig, es sei denn sie rappen. Aber heute gibt es eben viele andere Freizeitbeschäftigungen. Aber vielleicht kommt demnächst ja wieder eine Band wie die Beatles….

 


Kommen wir zurück zu Ihren Produkten. Wo liegt denn nun eigentlich die Kunst im Lautsprecherbau?

 

Lautsprecherbau ist eben doch etwas sehr Komplexes, da ein Lautsprecher elektrische Energie in mechanische Bewegung umsetzt, die ihrerseits über den Strahlungswiderstand die akustische Energie erzeugt, die wir übers Ohr wahrnehmen. Also eine zweifache Umwandlung, die mit sehr vielen Nichtlinearitäten behaftet ist. Es erfordert also großes Wissen in Elektrotechnik, Mechanik und Akustik. Dazu kommen eben auch noch Schwingungsverhalten von Werkstoffen und Geometrie der Membranen und natürlich auch Gehäusestatik. All das benötigt man, wenn man heutzutage noch konkurrieren will. Bei mir kommt eben noch die ausgesprochene Liebe zur Mathematik hinzu, die neue Wege der Berechnung weist.
Ja und dann ist da natürlich noch der zweite wichtige Block: das Musikhören selbst, um seine Kreationen zu bewerten. Ich glaube nach wie vor nicht, dass ein Wissenschaftler, den Musik kalt lässt, auch nur einen vernünftigen Lautsprecher hinbekommt. Er wird eine Musikwiedergabe-Maschine erschaffen, der man schlecht etwas vorwerfen kann, die aber die Seele nicht berührt. Aber genau das ist es eben: Man muss beim ersten Ton, den man hört schon eine Gänsehaut bekommen und nicht mehr aufhören wollen, Musik zu hören, erst dann hat man etwas wirklich Gutes geschaffen!

 


Warum verwenden Sie so extrem steilflankige Weichen?

 

Ganz einfach, weil die klanglichen Vorteile überwiegen! Das kann man mathematisch ganz klar zeigen und das kann man auch hören.

 


Haben die nicht zu große Phasendrehungen?

 

Gottseidank ja! Das ist ja das Funktionsprinzip von passiven Weichen. Wenn es nicht so wäre, würde ja Energie vernichtet werden.

 


Das müssen Sie mir genauer erklären!

 

Nun, Spulen und Kondensatoren haben keinen reellen Widerstand, der wie bei herkömmlichen Widerständen elektrische Energie in Wärme umsetzt sondern dadurch, dass Spule und Kondensator einen imaginären Widerstand besitzen, wird keine Energie vernichtet sondern mit steigender Frequenz der Stromfluss immer mehr gesperrt oder freigegeben.
Darüber referiere ich ja gerne, denn das zeigt den Unterschied zwischen reellen und imaginären Zahlen, der so schwer zu verstehen ist. Was sind imaginäre Zahlen eigentlich, welche reale Bedeutung haben sie?
Und beim Wechselstromwiderstand haben wir ein perfektes Beispiel hierfür. Aufgrund der Tatsache, dass sie eine Phasendrehung um 90° haben, vernichten sie keine Energie beeinflussen aber den Stromfluss frequenzabhängig. Phasendrehungen sind also nichts Negatives sondern durchaus positives.
Natürlich leiden manchen Verstärker unter kapazitiven Phasendrehungen, weil dort der frequenzabhängige Widerstand mit steigender Frequenz abnimmt und dadurch mehr Strom fließt, aber das ist ausschließlich ein Verstärkerproblem. Und glauben Sie mir, heutzutage gibt es ausgezeichnete Verstärker, auch oder gerade Röhren, die das völlig kalt lässt.

 


Dennoch gibt es ja auch Befürworter der 6-dB-Weichen!

 

Tja, da kann man als Naturwissenschaftler nur den Kopf schütteln. Ich habe da einen speziellen Vortrag, den ich auch schon auf der HighEnd auf der Technologiebühne gehalten habe und der sachlich unstrittig ist. Man kann nämlich zeigen, dass ein 6-dB-Filter bei Hochtöner nur dann keine Überschwinger und Frequenzgang-Ripple erzeugt, wenn man den Hochtöner unterhalb seiner Resonanzfrequenz einsetzt. Die meisten Hochtöner haben zum Beispiel ungefähr 1000 Hz Resonanzfrequenz. Will man ein maximal flaches Butterworthfilter aufbauen, also eines der besten Filter, das keine Überschwinger erzeugt, dann muss man den Hochtöner bei 707 Hz einsteigen lassen, was ihn natürlich innerhalb von Sekunden zum Verbrennen bringt. Setzt man ihn wie üblich oberhalb von 3.000 Hz ein, ergibt sich ein stark überschwingendes Filter mit Tschebyscheff-Charakteristik! Das kann es also wirklich nicht sein.
Auch im Lautsprecherbau gilt also: Es ist besser etwas zu wissen, dann muss man weniger glauben!

 


Neben den unglaublich steilflankigen Weichen haben Sie ja noch eine Spezialität, Sie bauen die Weichen symmetrisch auf. Warum?

 

Wenn man einem Physiker sagt, die Weiche ist symmetrisch aufgebaut, dann glaubt er sofort , dass das besser ist. Letztlich haben wir aber dann doch eine Weile gebraucht, um auch hier die speziellen Geheimnisse zu ergründen. Und auch hier geht das nur wieder über das Hören, Frequenzgang messen nützt hier nichts. Es liegt im Zusammenspiel mit dem Verstärker, der sich bei symmetrischen Weichen leichter tut.

 


Warum verwenden Sie die Keramikchassis von der Fa. Accuton? Klingen die nicht zu harsch oder gar scharf?

 

Nun, wie ich schon erwähnt habe, ist das Impulsverhalten das entscheidende Lautsprecherkriterium. Also brauche ich leichte, harte und steife Membranen, die diese unglaublichen Beschleunigungen ohne große Verformungen aushalten und den Impulsen folgen können. Keramik und Diamant sind hierfür ideal. Diamant hat noch einige andere Vorteile, wichtig ist aber das unverfälschte Wiedergeben der Musik.

Als langjähriger Mitarbeiter und Entwicklungschef von Isophon bin ich ja mit weichen Papiermembranen aufgewachsen und habe die ja auch selber noch bis 2013 benutzt. Deren Unvollkommenheit bei mittleren und höheren Frequenzen haben uns aber immer Probleme bereitet. Deswegen habe ich auch immer nur einen 12-cm-Mitteltöner eingesetzt und keinen 17-cm, wie sonst üblich. Und Keramik- und Diamantmembranen klingen nicht von sich aus scharf sondern nur dann, wenn die Resonanz bei 7 KHz nicht richtig unterdrückt wird.

 


Das ist also auch noch ein Grund für den Einsatz der steilflankigen Filter?

 

Genau! Aber es gibt noch mehr: zum Beispiel der Überlapp der Chassis.

 


Könnten Sie das etwas ausführlicher erläutern?

 

Klar. Bei Mehrwegeboxen weist die Frequenzweiche den einzelnen Chassis ihre Frequenzen zu, eben durch langsames Blocken und langsames Durchlassen der Hoch- und Tiefpässe. Da die Filter aber nicht unendlich steil arbeiten gibt es einen großen Frequenzbereich in dem zwei getrennt völlig verschiedene Chassis die gleichen Frequenzen abstrahlen. Durch die unterschiedlich Geometrie kommen die dann etwas verzögert am Ohr an, was zu einem Verschmieren der Impulse führt. Und genau das wollen wir ja vermeiden! Ich glaube das leuchtet jedem ein, dass das Abstrahlen der gleichen Musikanteile von zwei unterschiedlichen und geometrisch getrennten Chassis nicht gut sein kann!

 


Kommen wir zu etwas ganz Praktischem. Warum fertigen Sie noch in Deutschland?

 

Oh, das klingt ja gerade so, als ob das eine große Dummheit wäre.

 


Nun, viele Ihrer Konkurrenten fertigen ja im fernöstliche Ausland…

 

Ja, das stimmt, aber bei dem Qualitätsanspruch den unsere Kunden haben, kann ich mir das absolut nicht vorstellen. Unsere Lautsprecher sind viel zu kompliziert, um sie irgendwo anders fertigen zu lassen. Und meine Kunden vertrauen ja voll in unsere Fertigungsqualität. Nicht umsonst enthält jede Lautsprecherbox von uns ein Fertigungszertifikat. Und jede Box wird auch Probe gehört, bevor sie unser Werk verlässt.

 


Auch eine Arcona 40?

 

Selbstverständlich. Auch unsere kleinste und günstigste Box bekommt das volle Paket.

 


Und arbeiten Sie auch bei den preiswerten Arcona-Modellen mit Ihrer aufwendigen Technik?

 

Aber selbstverständlich. Ganz egal, welche Box ein Kunde von uns kauft, er kauft eine echte Gauder! Mit allen Schikanen und allen technischen Errungenschaften aus den großen Berlinas!

 


Sind dann die teuren Modelle von Ihnen nicht völlig abgedreht?

 

Ganz im Gegenteil. Unsere Mitbewerber bieten Lautsprecherboxen mit dem Diamantmitteltöner zu einem vielfachen Preis wie wir an! Unsere großen Berlinas gibt es, weil ich zeigen will, was technisch möglich ist. Die großen Diamantmitteltöner sind schon im Einkauf unverschämt teuer, aber eben auch unverschämt gut.
Unsere Berlina RC 9 und RC 11 sind deshalb eben auch 4-Wege-Boxen, um das Potenzial der Diamantmittel- und Hochtöner voll auszureizen. Ab 1 KHz nur noch Diamant! Da muss der Bass eben auch passend sein. Deshalb sind beide auch sehr gut bestückt.
Zudem lässt sich der Preis von Lautsprechern nur klanglich beurteilen und beide klingen eben richtig toll. Nicht umsonst führen wir mit beiden die ewige Bestenliste bei „Stereoplay“ und „Audio“ an! Das gab es vorher noch nie!

 


Wie beurteilen Sie den Stellenwert der Raumakustik?

 

Extrem hoch. Es nützt nicts, die teuerste und beste Anlage der Welt in einem akustisch ungünstigen Raum vorzuführen. Lieber eine kleinere, gut zusammengestellte Anlage in einem akustisch günstigen Raum! Das ergibt ein deutlich besseres Resultat. Deshalb testen wir unsere Lautsprecher auch vor der Markteinführung in mehreren real existierenden Wohnzimmern, was dann immer wieder zu Änderungen führt. Aber dafür klingen sie dann halt auch in „normalen“ Wohnräumen!

 


Wenn Sie die Raumakustik so hoch beurteilen, ist es dann überhaupt sinnvoll, auf einer Messe wie der HighEnd in akustisch so ungeeigneten Räumen vorzuführen?

 

Da sprechen Sie einen wunden Punkt an. Einerseits sollen wir die Besucher der HighEnd durch gelungene Vorführungen begeistern, andererseits ist das in diesen Räumen kaum möglich, zumal auch noch 30 Plätze ausgestuhlt werden und nicht zwei oder drei wie zu Hause im Wohnzimmer. Ehrlich gesagt, kann man auf der HighEnd eigentlich keinen Lautsprecher richtig beurteilen. Keiner hat ein 105 qm große Wohnzimmer mit 3,50 m Deckenhöhe und mitschwingenden Wänden!

 


Also besser beim Händler anhören?

 

Absolut! Dort hat man viel bessere Möglichkeiten. Oder noch besser: sich die Box zu Hause hinstellen lassen. Dann kann man die Qualität erst richtig beurteilen.

 


Wie stehen Sie zu den neuen Medien wie Download-Portalen oder Streamingdiensten?

 

Super! Das hätte ich mir als junger Mensch gewünscht, als ich tagelang am Tonbandgerät saß, nur um einen bestimmten Song aufs Band aufnehmen zu können. Geht heute so einfach und in einer Superqualität. Und es gibt ja auch schon Hi-Res-Downloads. Und Speicherplatz ist heute so billig, dass keiner mehr MP3 braucht! Vollformat ist die Zukunft!

 


Warum führen Sie dann immer noch mit Platte vor?

 

Weil es nach wie vor unglaublich gut klingt und einen Wahnsinns-Charme besitzt. Es ist einfach Genuss pur. Ich bin mit Platte aufgewachsen und zelebriere das Auflegen, auch wenn es aufwendiger ist als Digitalquellen.

 


Wohin geht der HiFi-Markt, wird es Revolutionen beim Lautsprecherbau geben?

 

Es wäre toll, wenn man das Kaufverhalten der Kunden im Vorneherein wüsste. Der Kunde entscheidet, ob ein Produkt gut ist oder nicht, nicht der Entwickler. Ich halte es da ganz klar mit: „Give the people what they want“. Aber oft konnte ich schon mit einem Produkt punkten, dass ich eigentlich für mich selbst konzipiert hatte.
Bei der Physik ist hingegen die Zukunft vorhersagbar: es wird noch unglaublich lange der dynamische Mehrwege-Lautsprecher, so wie wir ihn bauen, den Markt beherrschen. Es ist kein anderes physikalisches Prinzip in Sicht, dass eine bessere oder effektivere Schallerzeugung besitzt. Und daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Sonst hätten wir dieses Prinzip schon entdeckt. Und auch in Zukunft brauchen wir Volumen, um Bass zu erzeugen. Und auch in Zukunft wird es keinen brauchbaren Breitbandlautsprecher geben, der sowohl Bass wie auch Mitten wie auch Höhen gleichzeitig auf hohem Niveau erzeugen kann. Unsere Lautsprecher werden also auch in 20 Jahren noch fast genauso wie heute aussehen.

 


Vielen Dank für das Interview!